Oliver Nauerz & Katrin Seger -

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Oliver Nauerz & Katrin Seger -

Umfang: 90 Min.
Genre: Dokumentation
VÖ: 2007
Label: Eigenproduktion

15.11.2007 - Mnchen ist, als bayrische Landeshauptstadt, ja so etwas wie das Prunkstck der bajuwarischen Folklore, der Mutterscho der Schickeria und auch die Vorzeigestadt, was die bundesdeutsche Sicherheit angeht. Beispiel hierbei ist der Papstbesuch oder die geplanten Chaostage vor einigen Jahren, die klaglos scheiterten - dank der bayrischen Polizei und der straffen Organisation, die dahinter steht. Das ist also Mnchen. Bieder, katholisch, traditionell und ordentlich. Somit augenscheinlich also alles andere als die ideale Stadt fr Punks.

Dennoch oder gerade deswegen hat Mnchen eine sehr interessante Punk-Kultur vorzuweisen. Die Weisheit "Druck erzeugt Gegendruck" beschreibt die Mnchner Punk-Geschichte wohl am besten. Denn der Spirit des Punks ist ja bekanntlich die Rebellion. Und diese Grundhaltung wird natrlich umso mehr geschrt, wenn man dagegen angehen will. Aus diesem Grund ist die Geschichte der Punks in Mnchen alles andere als langweilig. In Verbindung mit Ereignissen ihrer Zeit und der Tradition von Rebellion innerhalb Mnchens (Elser, Scholl, Thoma) haben die dort ansssigen Punks somit volle Daseinsberechtigung. In Verbindung mit dem bajuwarischen Stursinn wird der Mnchner Punk als Individuum, verstrkt natrlich als Masse innerhalb der Subkultur, zu einem hervorragenden Gegenpol zur bayrischen Biederkeit. Dadurch wird er zu einem Symbol fr Freiheit und Individualitt innerhalb der bundesdeutschen berwachungs- und Sicherheitsvorzeigestadt Nr. 1.

Und gerade deswegen beginnt der Film "Mia san dageng! Punk in Mnchen" mit einem Prolog ber das Vorzeige-Mnchen und die Geschichte der Rebellion und den Kampf fr Freiheit und Individualismus innerhalb der Stadt. Eine informative Zusammenfassung, bis es zum "Urknall" des Punks kam. Ab hier kommen die Punk-Veteranen von damals zu Wort. Sie erzhlen, wie es war in dieser Zeit Punk zu sein. Damals, als der Punk noch neu war und in jeder Form seines Daseins noch provozierte. Zahlreiche Geschichten, Anekdoten und Analysen kriegt man von unterschiedlichen Mnchner Szene-Leuten in Form von kurzen Einspielern erlutert. Des Weiteren sieht man Unmengen Aufnahmen aus der Zeit. Und das nicht, so wie ich es erwartet hatte, mit ausschlielich qualitativ schlechte Live-Mitschnitte, wo die Kamera ganz hinten im Saal aufgebaut ist, sondern Ausschnitte aus Filmen, Musikvideos und Live-Mitschnitten, die sich allesamt sehen lassen knnen. Zwar sind auch hier qualitativ unterschiedliche Aufnahmen vorhanden, aber es sind keine dabei, von denen man sich wnscht, dass man es besser weggelassen htte. Natrlich kann man in so einem Film nicht alles in jedem Detail aufarbeiten, aber viele wichtige und interessante Themen werden angesprochen. Man bekommt zahlreiche Informationen und - was das Wichtigste ist - das Lebensgefhl von damals bermittelt. So erfhrt man, wie die Szene in Mnchen aufblhte, wie das Lebensgefhl innerhalb der Szene war, was auf Konzerten abging, wie sich Bands von der Zeitgeschichte haben beeinflussen lassen - so war z.B. das Dachau-Lied von A&P eine Reaktion auf das Oktoberfest-Attentat in Mnchen - und wie man als nonkonformer Punk Probleme mit der Mnchner Exekutive und der Strauschen Politik hatte. Alles absolut rund, interessant und informativ. Bis zur Minute 45. Dann kommt ein Bruch. Denn wenn man die Mnchner Punk Szene betrachtet, bleibt das Stichwort "Freizeit 81" nicht aus. Das Thema wurde jedoch abgefertigt mit einem Einspieler. Darin lesen nicht identifizierbare Personen aus einem Flugblatt von damals vor. Mehr nicht. Der Grund hierfr ist ein ausdrcklicher Wunsch frherer Mitglieder, nicht mehr zu diesem Thema zu bringen, da es bei "Freizeit 81" nicht um einzelne Personen geht, sondern um die Aktionen rund um "Freizeit 81". Aus meiner Sicht ist das jedoch sehr grenzwertig, da nicht verdeutlicht wird, dass es sich hierbei um Zitate des - in eine radikale Richtung gehendes - Flugblattes handelt.

Danach werden noch ein paar Phnomene der spten 80er Jahre behandelt, bis ein weiterer Bruch kommt. Denn im Laufe der 80er Jahre wurde es immer ruhiger in der Mnchner Punk Szene. Doch anstatt zu durchleuchten, was in dieser Zeit und in den 90ern in der Szene los war, macht man einen weiteren Zeitsprung, berichtet von der Rckkehr vieler Punk-Bands im neuem Jahrtausend und welchen Einfluss das "Punk in Mnchen" Projekt und das Fanzine "Kruzefix" auf die positive Entwicklung der Mnchner Punk-Szene hatte. Das ist einerseits rgerlich, weil man gerne mehr ber die Zeit bis dahin erfahren htte, andererseits hat man das Gefhl, dass die mehr oder weniger objektive Betrachtungsweise, die zu Beginn der Doku noch in gewisser Weise vorhanden war, pltzlich nicht mehr vorherrschend ist. Politische Botschaften werden eingeblendet, und allgemein wird der Streifen zu einem Werbefilm fr das "Punk in Mnchen" Projekt, dessen Macher auch fr den Film selbst verantwortlich sind.

Das Engagement und die Leistung der Filmorganisatoren in allen Ehren, doch zum Ende des Streifens bekomme ich zumindest einen faden Beigeschmack. Hier hat man die Chance vergeben, eine rundum gelungene Dokumentation abzuliefern. Gut, man hat sich auf die Fahnen geschrieben, ein absolutes Do-it-Yourself zu sein und hat sich selbst nie einen bestimmten Anspruch gesetzt. Deshalb liegt es allein bei den Machern, wie der Film letztendlich aussehen soll.

Am Ende der knapp 90 Minuten kommen dann noch einmal alle Interview-Partner zu Wort. Auch einige Nachwuchs-Punks von heute wurden interviewt. Danach folgt der komplette Song "Mia san dageng!", der von zahlreichen Punkmusiker aus Mnchen unter den Namen "Einstrzende Musikantenstadl" dargebracht wird und auch allein fr den Film komponiert wurde. Im Abspann geht es dann weiter mit Wortbeitrgen. Hier jedoch hauptschlich von ganz "normalen" Punks von der Strae und Punksympathisanten. Auch hier bleibt ein fader Beigeschmack. Denn nicht nur der Punk wird hier wieder glorifiziert, sondern auch der Alkoholkonsum, beispielsweise auch von einem 14-Jhrigen Jungen. Da wird dem Zuschauer zum Schluss doch wieder nher gebracht: so geil Punk ist, so geil die Rebellion ist und so geil auch die Musik ist, auch diese Subkultur wird gerne missverstanden und bietet einen revolutionistischen Deckmantel fr asoziales, stupides und respektloses Verhalten. Jede Medaille hat eben zwei Seiten.

Was bleibt am Ende des Films? Mir hat es groartig gefallen, einen Einblick in die frhe Mnchner Punk-Szene zu bekommen. Und dann auch noch durch die Augen der Leute, die die Szene damals geprgt haben. Trotz den von mir dargelegten Schwchen hat man hier einen Film abgeliefert, den es in dieser Form bisher noch nicht gab.

Musikbeitrge von Bands wie die Spider Murphy Gang, A&P, United Balls, ZSK oder Marionetz sind zu hren. Auerdem kommen auch entsprechende Musiker zu Wort. Alles in allem ist "Mia san dageng! Punk in Mnchen" absolut sehenswert fr alle und Pflicht fr all diejenigen, die sich fr die Punk-Kultur interessieren. Nicht nur groartige Musik begleitet den Zuschauer durch den Film, sondern auch der Punk-Spirit, der wohl noch Generationen - in welcher Form auch immer - berleben wird. Katz & Olli, die Macher des Kruzefix Fanzines und gleichzeitig die Leute hinter dem "Punk in Mnchen" Projekt haben hier einen Film vorgelegt, der sicher ein Vorbild sein wird fr weitere Do-it-Yourself Filmemacher, in welcher Stadt auch immer. Zeithistorisch hat man hier ein wertvolles Filmdokument abgeliefert. Von daher gehen meine Daumen summa summarum beide nach oben. Pflichtprogramm! (sk)

Unsere Bewertung:

4 / 5 Punkte

4 / 5 Punkte